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Stand: 15.06.2016

Pressemitteilung

Öffnung der Friseurläden als Geburtstagswunsch

Elisabeth Weinheimer feierte 100. Geburtstag in St. BarbaraIm Caritas-Altenzentrum St. Barbara in St. Ingbert feierte Elisabeth Weinheimer ihren 100. Geburtstag und hatte viel aus ihrem ereignisreichen Leben zu erzählen. Andrea Daum / Caritasverband für die Diözese Speyer

St. INGBERT. "Die Pflicht stand immer an erster Stelle", sagt Elisabeth Weinheimer. Ihr Berufsleben, in dem die Pflicht immer an erster Stelle stand, hat sie längst hinter sich. Wie wichtig ihr Pflicht, Recht, Gerechtigkeit sind, wird schnell deutlich, wenn sie aus ihrem langen Berufsleben als eine der ersten Polizistinnen im Saarland erzählt. Gelegenheit, auf ihr Leben zurückzuschauen gab es, als Elisabeth Weinheimer im Caritas-Altenzentrum St. Barbara in St. Ingbert im Januar ihren 100. Geburtstag feierte. "Sie hat sehr viel Interessantes zu erzählen", freuen sich Einrichtungsleiterin Karin Titze und ihr Team, dass die Bewohnerin, die im April 2020 in St. Barbara einzog, noch so fit ist.

Bis 1920 hatte die Spanische Grippe die Welt im Griff gehabt. Die Pandemie war gerade besiegt, da erblickte Elisabeth Weinheimer, die damals noch Mohr hieß, am 19. Januar 1921 im saarländischen  Güdingen das Licht der Welt. Dass sie 100 Jahre später ihren Geburtstag feiern würde, von ihrer Schwester Ingrid zu diesem Anlass 50 langstielige Rosen erhalten  und von ihrem früheren Polizeikollegen Felix Derschang ein Ständchen gespielt bekommen sollte, damit konnte zu diesem Zeitpunkt wahrlich niemand rechnen.

Dass an ihrem 100.Geburtstag wieder eine Pandemie, ausgelöst durch das Corona-Virus,  die Welt in Atem halten würde, auch nicht. Dass bald wieder Friseurbesuche möglich sind, war ein Geburtstagswunsch der Jubilarin.

Nach der Volksschule besuchte die junge Elisabeth die Ursulinenschule in Saarbrücken. Das hatte auch  den Vorteil, dass sie keinen Dienst im Bund deutscher Mädchen versehen musste. Bei den Ursulinen absolvierte sie den Hauswirtschaftsbereich. Ein Mädchen das einmal heiraten wolle, müsse wissen, wie ein Haushalt zu führen sei, hatte ihre Mutter gesagt. Elisabeth Weinheimer zog ins Internat, durfte nur in den Ferien nach Hause. Einen Haushalt ordentlich führen, war ihr ein Leben lang wichtig, "und das erfordert Zeit", sagt sie. "Kochen und backen - das habe ich immer gerne gemacht", erzählt sie.

1938 wurde die Ursulinenschule von der damaligen Regierung geschlossen. Ein Schulwechsel war notwendig. Eine private Handelsschule sollte es werden. Dafür habe sie eine Schreibmaschine benötigt. Ihr Vater besorgte ihr eine alte, schwere Schreibmaschine der Marke Rheinmetall. Als sie mit dieser zur Handelsschule kam, habe das gelinde gesagt Erstaunen ausgelöst. "Mädchen, was willst du damit, mit der kannst du nicht tippen, schon gar nicht mit zehn Fingern", erinnert sie sich an die Begrüßung. Sie bekam eine moderne Maschine von der Schule und lernte flink mit zehn Fingern zu tippen. Damals besonders wichtig, weil mitgetippt wurde, was gesagt wurde. In Echtzeit.

Der Zweite Weltkrieg brachte weitere Veränderungen. Die Familie wurde in dieser Zeit zwei Mal evakuiert. Elisabeth Weiheimer kam nach Thüringen., Zunächst zu einer Familie, die eine Tochter in etwa in ihrem Alter hatte. Die Mutter hatte eine Schneiderei. "Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt", erzählt Weinheimer. Im thüringischen Sömmerda  lernte sie später zwei gleichfalls evakuierte Saarbrückerinnen kennen. Beide arbeiteten bei der damaligen Rüstungsschmiede Rheinmetall Borsig AG. Dort leistete dann auch Elisabeth Weinheimer ihren Arbeitsdienst. Der freiwillig genannt wurde, allerdings nur bedingt freiwillig war. Sie habe es aber ganz gut getroffen, hat sie an die Zeit in der Registratur gute Erinnerungen. Dass sie aufmerksam und pflichtbewusst war, kam ihr sehr entgegen. "Dort brauchte es eine gute Auffassungsgabe", erinnert sie sich an die Zusammenarbeit mit den zahlreichen Ingenieuren und Konstrukteuren.

Zurück in Saarbrücken, mittlerweile 21 Jahre alt und damit volljährig, musste sich die junge Elisabeth Weiheimer zum einen mit um ihre beiden deutlich jüngeren Geschwister kümmern und einen Dienst versehen, den vor dem Krieg vornehmlich Männer ausgeübt hatten. Frauen waren gefordert, weil viele Männer an der Front waren. Sie kam zur  weiblichen Kriminalpolizei. Dort fand sie sich gut zurecht und blieb auch nach dem Krieg in Diensten der Polizei. Ihre erste Chefin, erinnert sie sich, sei von Hause aus Klavierlehrerin gewesen.

Nach dem Krieg war eine umfassendere Ausbildung notwendig. "Es wird einem nichts geschenkt und ohne Prüfung geht es nicht", erzählt Elisabeth Weiheimer mit Blick auf ihre Zeit an der Polizeischule, die sie als zweite Frau im Saarland absolvierte. Gefragt waren die Polizistinnen vor allem in der Zusammenarbeit mit den damaligen Fürsorgestellen. Das Gesetz kennenzulernen, es zu kommentieren, "das hat mir immer Freude gemacht", bekennt Weinheimer und verschmitzt merkt sie an: "Ich hätte selbst Verhandlungen führen können". Genauigkeit, aber auch Einfühlungsvermögen, um von den möglichen, meist sehr  jungen Tätern die Beweggründe für ihre Taten zu erfahren, waren gefragt. Das seien schon sehr heikle Fälle gewesen: Mal drohte Eltern, dass ihnen die Kinder weggenommen wurden, in anderen Fällen  ging es um Sexualstrafdelikte.

Als die Polizei dezentraler organisiert wurde, entschied sie sich für die  Dienststelle in St. Ingbert. Mit dem Fahrrad kam sie zur Arbeit, nutzte es auch beruflich. Nur wenn es mal zu weiter entfernten Tatorten ging, "hatte ich einen Fahrer", erinnert sie sich. Ihren Autoführerschein machte sie erst viele Jahre später, "aber ich bin nie gerne Auto gefahren" verrät sie.

Auf der Wache brauchte es Durchsetzungsvermögen unter all den Männern. Das hatte sie und ihre Kollegen wussten schnell, wenn "das Fräulein Mohr an einem Fall ist, wird gründlich gearbeitet", erzählt sie. Kriminalistischen Spürsinn hatte sie und es stand auch mal im Raum, ob sie nicht die Ausbildung zur Kommissarin machen sollte, um die Dienststelle leiten zu können. "Die Kommissarprüfung habe ich dann doch nicht gemacht", sagt sie. Der Polizei aber blieb sie bis zur Pensionierung im Jahre 1981 treu. Als Polizeihauptmeisterin verabschiedete sie sich.

St. Ingbert war zu dieser Zeit längst zu ihrer Heimat geworden. Hier lebte sie mit ihrem zwischenzeitlich verstorbenen Ehemann Hans, der Lehrer an der Handelsschule in Saarbrücken gewesen war. Zwei erwachsene Kinder hatte dieser zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits. "Wir haben uns immer sehr gut verstanden", erzählt Elisabeth Weiheimer, der im Leben eines immer wichtig war: "Ich bin schon immer gerne auf meinen eigenen Füßen gestanden", unterstreicht sie.

2020 zog sie ins Caritas-Altenzentrum St. Barbara in St. Ingbert. Hier feierte sie am 19. Januar 2021 ihren besonderen Geburtstag - an dem einmal mehr deutlich wurde, mit wieviel Pioniergeist, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen Frauen wie Elisabeth Weinheimer vielen heute berufstätigen Frauen den Weg ebneten wie zum Beispiel bei der Polizei.

Bild und Text: Andrea Daum für den Caritasverband für die Diözese Speyer

 

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